Fortbildungskongress der DGNKN / DGNR

Fortbildungskongress DGNKN / DGNR (D-004)

Innovative Hilfsmittel in der Neurologie

Kurzbeschreibung

Einstiegsseminar / Fortbildungspunkte werden bei der Sächsischen Landesärztekammer beantragt. Fortbildungspunkte für Therapeuten: pro Halbtagsveranstaltung 3 Punkte

Beschreibung

Fortbildungskongress DGNKN / DGNR
Innovative Hilfsmittel in der Neurologie

Mehr denn je profitieren Patienten von modernen Orthesen, funktioneller Elektrostimulation (FES) oder High-Tech-Orthesen. Neben den individuellen Bedürfnissen des Patienten in Therapie und Alltag stehen selbstverständlich auch die gesundheitsökonomischen Aspekte bei Hilfsmittelversorgun-gen im Fokus, idealerweise umgesetzt in adäquaten Kompetenznetzen und Versorgungsinstitutionen (Reese 2011). Wichtigster Aspekt jedoch: Patienten müssen so mobil und aktiv wie möglich ge-macht werden. Ausgehend von Indikation und individuellen Therapiepotential können moderne, carbonbasierte Or-thesen, aber auch perkutane FES-Versorgungen, beispielsweise bei Patienten mit Fußheberschwä-che, zu signifikant mehr Teilhabe und Aktivität verhelfen und somit zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität beitragen. Die sogenannten „objektivierbaren Parameter“ stimmen abseits von Therapie und Ganglabor oftmals nur teilweise mit der patientenzentrierten Beurteilung des Hilfsmittels überein. Um den aktivitätsfordernden Therapieinhalten Folge leisten zu können, bedarf es individuel-ler und patientenzentrierter Hilfsmittellösungen, die sowohl den Schweregrad der Fußheberschwäche, als auch das Aktivitätsniveau des Patienten widerspiegeln. Diese Anforderungen erfüllen mo-derne Orthesen, die gezielt an Patienten und Schweregrad angepasst werden können und ein dyna-misches und physiologisches Gangbild durch den flexiblen Vorfuß- und Fersenbereich ermöglichen. Über viele Jahre hinweg war man zudem überzeugt, dass Patienten nach Schlaganfall bei ihrer Ge-nesung lediglich ein bestimmtes „Plateau“ erreichen können, und dass darüber hinaus keine deutlichen Verbesserungen mehr möglich sind. Inzwischen ist jedoch bekannt, dass sich große Fortschritte sehr wohl auch später noch realisieren lassen. Aktuelle Publikationen belegen, dass mithilfe funk-tioneller Elektrostimulation (FES) hervorragende Therapiergebnisse erzielbar sind, wobei jedoch immer genau zwischen orthetischem und therapeutischem Mehrwert unterschieden werden muss (Schuhfried 2012, Schupp 2014, Böing 2017). Wenn mehrere große Muskelgruppen der unteren Extremität von einer Parese oder Paralyse betrof-fen sind, ist die Sicherheit des Patienten beim Gehen und Stehen massiv gefährdet. Diese Patholo-gien können aus den verschiedensten Krankheitsbildern resultieren, sind insbesondere jedoch häufig bei Patienten, die an den Folgeerscheinungen einer Poliomyelitis leiden, zu diagnostizieren. Die Mobilität dieser Patienten mit Gewährleistung der Sicherheit kann oftmals nur mit knieübergreifenden Orthesenversorgungen, sogenannten KAFOs (Knee Ankle Foot Orthoses) erreicht werden. Für diese Aufgabe wurden in der Vergangenheit in den meisten Fällen KAFOs mit einer durchgängigen Sperrung des Kniegelenks eingesetzt. Diese ermöglichen das Gehen in der Ebene mit einem hohen Maß an Sicherheit. Durch die komplette Versteifung des Beines sind solche Versorgungen jedoch mit immensen biomechanischen und metabolischen Nachteilen verbunden. Dazu zählen in erster Linie eine messbare Mehrbelastung des Bewegungsapparats sowie ein abnorm hoher metabolischer Energieverbrauch (Mattson 1990, Schmalz 2005). Seit einigen Jahren steht mit den Stance Control Orthoses (SCO) eine Orthesengeneration zur Verfügung, die diese Nachteile signifikant reduziert (Zacharias 2012). Bei den SCO-Systemen sorgt ein Umschaltmechanismus dafür, das Kniegelenk nur unter Belastung vollständig zu sperren und dann eine freie Schwungphase im Sinne einer Pen-delbewegung zu ermöglichen. Hierdurch wird dem Patienten ein deutlich verbessertes Gehen in der Ebene möglich. Funktionell limitierend ist bei diesem Orthesentyp jedoch, dass keine gedämpfte Knieflexion unter Belastung gegeben ist. Mit dem C-Brace steht dem Patienten inzwischen ein Hilfs-mittel zur Verfügung, mit dem auch Treppen und Schrägen im Alltag bewältigt werden können: eine in die Orthese integrierte knieübergreifende mikroprozessorgesteuerte Hydraulikeinheit stellt dem Patienten für alle Bewegungsabläufe des Alltags optimierte Bewegungswiderstände für die Flexion und Extension des Kniegelenkes zur Verfügung. Ein weiterer funktioneller Zugewinn resultiert aus der mikroprozessorgesteuerten Schwungphase, also der Bewegungsphase ohne Bodenkontakt. Hier wird die Kniebewegung auch bei variablen Gehgeschwindigkeiten natürlich angepasst, wodurch sich der Patient flexibel und „unauffälliger“ bewegen kann. Als größter Patientennutzen ist das extrem hohe Sicherheitspotential zu nennen. Kommt es zu unvorhergesehenen Situationen, wie zum Beispiel einem Stolpern, steht mit Hilfe der sensorbasierten Steuerung der Flexionswiderstand vollständig zur Verfügung, ein Sturz wird vermieden.

Referent: Thorsten Böing, Duderstadt

Referent:

Dr. Thorsten Böing
Ottobock HealthCare Deutschland