Kongress therapie LEIPZIG

Die Klinik von Planetary Health (S-169)

Kurzbeschreibung

Einstiegsseminar

Beschreibung

Pandemie von Zivilisationskrankheiten: Was die Überschreitung planetarer Grenzen und die Überflussgesellschaft für den Einzelnen und für unsere Gesellschaft bedeuten

Die Auswirkungen des Überschreitens planetarer Grenzen durch den Menschen wird am Beispiel der sich pandemisch ausbreitenden „Zivilisationskrankheiten“ besonders deutlich. Auch wenn der Begriff Zivilisationskrankheit keine Erkrankung im medizinischen Sinne definiert, so veranschaulicht er den Zusammenhang zwischen den sich weltweit ausbreitenden Wohlstands-Lebensstilen, Verhaltensweisen und Umweltfaktoren und der Zunahme an Krankheiten wie Adipositas, Typ 2 Diabetes, Bluthochdruck, Herz-und Gefäß-Erkrankungen, Allergien, Depression, Essstörungen, Karies bis hin zu bestimmten Arten von Krebserkrankungen. Die Entstehung dieser Erkrankungen ist wahrscheinlich nicht auf die Wirkung einzelner Faktoren zurückzuführen, sondern hat ihren Ursprung in der Wechselwirkung zwischen genetischen, Verhaltens- und Umweltfaktoren. Dabei gelten hoher Zuckerkonsum, Fehl- und Überernährung, Bewegungsmangel, Suchtmittel- und Drogenkonsum, Umweltgifte, Lärmbelastung, soziale Faktoren und Normen, übermäßige Hygiene, mediale Reizüberflutung unter anderem als Risikofaktoren für die Entstehung der Wohlstands-assoziierten Krankheiten. Diese Erkrankungen breiten sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auf der ganzen Welt aus, treten heute in fast allen Ländern sehr häufig auf und stellen in den meisten Ländern die häufigsten Todesursachen dar. Mehr als 70% der frühzeitigen Todesfälle und die Mehrheit der körperlichen Einschränkungen stehen im Zusammenhang mit nicht-übertragbaren Krankheiten vor allem Herz- und Gefäßkrankheiten, Krebs und Diabetes. Adipositas ist einer der wesentlichen Risikofaktoren für nicht-übertragbare Krankheiten und führt in Abhängigkeit vom Schweregrad zu einer 5-20 Jahre verringerten Lebenserwartung. Im Gegensatz zur teilweise rasanten Ausbreitung von Infektionskrankheiten, die uns aktuell durch die Covid-19 Pandemie verdeutlicht wird, sind die meisten Zivilisationskrankheiten Pandemien in Zeitlupe. Zivilisationskrankheiten wie Adipositas und damit verbundene Stoffwechsel- und kardiovaskuläre Erkrankungen gehören zu den größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Die Zukunft der menschlichen Zivilisation ist auch davon abhängig, wie wir unser Wissen um die Zusammenhänge von Gesundheit und den politischen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Systemen nutzen, um geeignete Strategien zur Abmilderung der Folgen von Zivilisationskrankheiten zu entwickeln und in praktische Handlungen umzusetzen. In diesem Kapitel soll am Beispiel der Erkrankung Adipositas und damit vergesellschafteter Stoffwechselerkrankungen wie Typ 2 Diabetes, Fettlebererkrankung, Gicht und anderen dargestellt werden, was die Überschreitung planetarer Grenzen und die Überflussgesellschaft für den Einzelnen und für unsere Gesellschaft bedeuten.

Referent: Matthias Blüher, Leipzig

Klimakrise und Krankheitsprävention – neue Herausforderungen für Gesundheitswesen und Politik

Die akute Klimakrise stellt die Medizin vor neue Herausforderungen. Extremhitze und andere Extremwetter, neue Infektionskrankheiten durch Viren, Bakterien und sonstige Pathogene, Ungezieferplagen, Allergien, Melanome, psychische Belastungen und Erkrankungen (z.B. posttraumatische Belastungsstörungen) infolge der Klimakrise werden deutlich zunehmen, wenn wir nicht schnell und effektiv Klimaschutzmaßnahmen treffen. Bereits vorerkrankte Patienten mit Diabetes, COPD, Herzproblemen usw., Kinder, Hochbetagte und Schwangere leiden unter der Extremhitze. Drei Viertel der Gesunden fühlen sich schlapp, Aggressionen nehmen hormonell bedingt zu. Deutschland ist, trotz seiner enormen finanziellen Ressourcen, auf diese Herausforderungen nur mangelhaft vorbereitet. Wie schon bei der Corona-Pandemie, geht bei uns viel im Paragraphen- und Kompetenzdschungel von Bund, Ländern und Kommunen schief, auch wenn einzelne Kommunen und Länder Vorsorgestrategien und -maßnahmen entwickeln. Gute Primärprävention, oft die effektivste Maßnahme im Bereich der Medizin, fristet bei uns auch weiterhin ein Schattendasein. Wir fahren auf Sicht, stolpern von Krise zu Krise. Das wird zunehmend kostspieliger und irgendwann nicht mehr finanzierbar. Die erforderlichen Präventionsmaßnahmen zur Minimierung gesundheitlicher Probleme betreffen viele verschiedene Bereiche, vom Umbau von Innenstädten zur Reduzierung urbaner Hitezinseln (Begrünungen, Windschneisen, Trinkbrunnen etc.), über vernünftige Hitzeschutzpläne für vulnerable Gruppen bei Extremhitzewellen (Abkühlräume, Versorgung) und einen verbesserten Hochwasserschutz bis hin zu verbesserten Hygiene- und Schutzmaßnahmen zur Reduktion von Seuchen- und Pandemiegefahren. Bis 2050 sind präventive Zusatzinvestitionen im mehrstelligen Milliardenbereich erforderlich. Parallel dazu werden die Krankheitskosten durch Gesundheitsprobleme in Folge der Klimakrise deutlich steigen. Entscheidend ist auch, dass bei allen Resilienz- und Präventionsmaßnahmen strikt auf Nachhaltigkeit und Klimaneutralität geachtet wird. Millionen von neuen Klimaanlagen, mit fossiler Energie betrieben, sind keine sinnvolle Lösung. Bereits jetzt ist der Gesundheitssektor für ca. 5% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Auch der Bildungsbereich kann einen wichtigen Beitrag leisten. Die Erziehung zu gesunder, fleischärmerer Ernährung, ausreichender, wetterkompatibler körperlicher Ertüchtigung, richtigem Verhalten bei Extremwetter und die systematische Schulung Aller in Grundlagen der medizinischen Notfallversorgung wäre hilfreich und kostengünstig umsetzbar. Natürlich müssen Krankheitsphänomene infolge der Klimakrise auch umgehend Teil der Medizinerausbildung werden. Darüber hinaus brauchen wir dringend effektive, EU-weite Frühwarnsysteme, Krisenstäbe, Notfallpläne und Krisenvorratslager. Etliches davon ist bisher bestenfalls teilimplementiert bzw. erst im Planungsstadium.

Referent: Stephan M. Feller, Halle (Saale)

Initiative Nachhaltige Praxis: Ökologisch klimaneutral, sozial verantwortlich, wirtschaftlich sicher – vom individuellen CO2-Rechner bis zur Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen

Der Gesundheitssektor selbst traegt mit ca. 5% erheblich zu den globalen CO2-Emissionen bei. Die Initiative Nachhaltige Praxis von Health for Future Dresden moechte Praxisinhaber*innen und Mitarbeiter*innen dabei unterstützen diese Emissionen zu reduzieren. Dafür haben wir in Zusammenarbeit mit der Stiftung Wilderness International einen CO2-Rechner für Arztpraxen sowie eine Checkliste zur nachhaltigen Umgestaltung von Praxen entwickelt. So ist es Praxen möglich, ihren individuellen CO2-Fussabdruck zu ermitteln und ihn durch gezielte Ma nahmen zu reduzieren. Verbleibende Emissionen koennen anschliessend sinvoll ausgeglichen werden. Im Vortrag werden beide Hilfsmittel sowie konkrete Massnahmen aus Arztpraxen unseres Netzwerkes vorgestellt, um m glichst viele Kolleg*innen die Umgestaltung zu erleichtern. Welche Maßnahmen sind einfach umzusetzen und welche bringen richtig viel? Wie fange ich am besten an? Wie kann ich meine Mitarbeiter*innen motivieren und meine Patient*innen sensibilisieren? Wieviel kostet das Ganze? Diese Fragen beantworten wir in unserem Vortrag. Gleichzeitig moechten wir Sie als Mitarbeiter*innen des ambulanten Gesundheitssektors inspirieren, politische Forderungen zu stellen. Denn die Anwendung des CO2-Rechners macht einmal mehr deutlich: die meisten CO2-Emissionen liegen nicht in der Hand der Praxismitarbeiter*innen: die Wege der Patient*innen und die Emissionen, die durch die Medikamentenherstellung entstehen, zum Beispiel. Hier brauchen wir andere Rahmenbedingungen, Mut und Ideen, um diese nachhaltig zu ändern.

Referentin: Sina Lehmann, Dresden

Psychologische Mechanismen der Klimakrise: Klima und Gesundheit gemeinsam denken und in die therapeutische Versorgungsrealität integrieren

Der Vortrag soll Gelegenheit bieten, sich der eigenen inneren Haltung zum Thema Klima bewusst zu werden, diese zu überprüfen und Anregung zu bekommen, wie wir das uns alle betreffende Thema Klima, angemessen in die therapeutische Versorgungsrealität integrieren können. Fragen, die dabei aufgeworfen werden sind unter anderem:

Was macht die Klimakrise mit unserer Psyche?

Was hindert uns vom Wissen ins Handeln zu kommen?

Was müssen wir tun, um handlungsfähig zu werden/bleiben?

Wie kann das ganz praktisch im therapeutischen Kontakt aussehen?

Die Klimakrise ist prozesshafte Realität der Gegenwart und erfordert unser aller Handeln. Vermeidung der Auseinandersetzung mit der Klimakrise erhöht das Risiko der Entwicklung von Angst und Depression und schränkt unsere Handlungsfähigkeit ein. Gleichzeitig kann auch eine übermäßige Auseinandersetzung mit der Klimakrise ohne geeignete Verarbeitung zu negativen Folgen führen. Um diese Mechanismen zu überwinden, müssen wir die Klimakrise in unserer sprachlichen Alltagsrealität abbilden, die damit verbunden Gefühle zulassen und uns selbst als Teil eines sozialen Netzwerkes verstehen. Durch Besinnung auf das Wesentliche und unser aktives Handeln, bietet die Klimakrise die Chance, für ein besseres, soziales Miteinander im Einklang mit unserem Planeten.

Referentin: Melanie Gerhards, Leipzig

Klimawandel und Gesundheit im Gespräch mit PatientInnen
Eine Konzeptvorstellung anhand von Fallbeispielen

„Die Klimakrise ist einer der größten Bedrohungen für die globale Gesundheit im 21. Jahrhundert“ schrieb 2009 eine Joint Commission der Fachzeitschrift Lancet und des University College London. Auch in Deutschland zeichnen sich die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels ab und manifestieren sich insbesondere in einer Gefährdung durch Hitzewellen und andere Extremwetterereignisse. Die zunehmende Luftverschmutzung, die zu einem großen Teil auf Verbrennung fossiler Energieträger zurückzuführen ist, stellt einen weiteren Hauptrisikofaktor für die Gefährdung der Gesundheit dar. Trotz der steigenden Evidenz zu den gesundheitlichen Risiken des Klimawandels sind das Verständnis und die Wahrnehmung dieser Risiken in der Bevölkerung weiterhin niedrig. Neben dieser Bedrohungslage betonen die Autor:innen des „Lancet Countdown on Climate Change and Health“ aber auch, dass die die Bekämpfung des Klimawandels eine zentrale Chance sein kann, die weltweite Gesundheit im 21. Jahrhundert zu verbessern. Diese sogenannten Health-Co-Benefits liegen insbesondere in der Förderung von pflanzenbasierter Ernährung, aktiver Bewegung und Reduktion von Luftverschmutzung. Daneben gilt eine gesamtgesellschaftliche Ernährungs- und Mobilitätswende als kritisch, um die Pariser Klimaziele innerhalb der emissionsintensiven Agrar- und Verkehrssektoren zu erreichen. Insbesondere die Betonung von Health-Co-Benefits könnte die Motivation zu klimaschützenden Verhaltensweisen und Maßnahmen stärken. Angehörige der Gesundheitsberufe können hier eine aktive Rolle einnehmen, indem sie als Multiplikator:innen mit ihrem Patient:innen über die Verbindung von Klimawandel und Gesundheit sprechen. Daher zielt die vorgeschlagene Veranstaltung darauf ab, das Konzept einer Klimasprechstunde anhand von Fallbespielen mit Patient:innen vorzustellen. Die Teilnehmenden sollen dabei eine patient:innenzentrierte Gesundheitsberatung kennenlernen, welche über die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels aufklärt, über mögliche Anpassungsmaßnahmen z.B. bei Hitzewellen informiert und zu einem gesundheitsfördernden und klimafreundlichen Lebensstil motiviert. Mögliche Anlässe und Gesprächstechniken werden dabei vorgestellt und diskutiert.

Anmerkung: Das Konzept der Klimasprechstunde wurde von Dr. med. Ralph Krolewski erstmals begründet.

Referenten: Silvan Griesel, Heidelberg | Nikolaus Mezger, Halle (Saale)

Referent: